Mut beweisen, Ängste überwinden und wachsen –
Im März 2026 fand unsere bereits dritte Reise zur Partnerschule ProCivitas Privata Gymnasium im Rahmen von Erasmus+ nach Stockholm statt – und doch fühlte es sich ein Stück weit wie ein Sprung ins Ungewisse an. Weder meine Kollegin Frau Thonfeld noch ich zählen uns zu den routinierten Klassenfahrtsprofis. Entsprechend mischten sich zur Vorfreude auch die ganz klassischen Sorgen: Werden alle pünktlich sein? Geht alles gut? Funktioniert die Organisation vor Ort? Ist das Hostel komfortabel? Und natürlich die leise Frage im Hinterkopf: Werden die Schülerinnen und Schüler diese Woche wirklich für sich nutzen können?
Wir waren zu achtzehnt unterwegs: zwei Lehrerinnen, sechzehn Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse – und eine große Portion Neugier im Gepäck.
Schon am ersten Tag an unserer Partnerschule wurde deutlich: Hier läuft Schule ein bisschen anders. Die Atmosphäre wirkte etwas lockerer und die Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden war auffallend entspannt, fast freundschaftlich. Unseren Schülern und Schülerinnen ist aufgefallen, dass sie trotzdem unglaublich interessiert und lernwillig wirkten.
Unser inhaltlicher Schwerpunkt war das Thema Demokratie – und es blieb nicht bei trockener Theorie. In gemischten deutsch-schwedischen Gruppen wurde diskutiert, verglichen, hinterfragt. Schnell entstanden erste Kontakte, dann Gespräche, schließlich echte kleine Freundschaften. Es war schön zu beobachten, wie schnell aus vorsichtigem Englisch lebendige Kommunikation wurde.
Ein Moment, der mir besonders im Gedächtnis bleiben wird, war ein Kennenlernspiel am ersten Tag. Jeder sollte seinen Vornamen mit einem passenden Adjektiv kombinieren. Während die ersten mutig „Interesting Iring“ oder albern „Lazy Lenny“ in den Raum warfen, vermeldete eine unserer Schülerinnen: „Ich weiß nicht mal, was ein Adjektiv ist.“ Ein kurzer Moment der Stille – dann Gelächter. Gut, dass sie ihre Englisch- und ihre Deutschlehrerin dabeihatte. Und genau das war der Startpunkt für echtes Lernen.
Ein besonderes Erlebnis war hierbei eine 70-minütige Geschichtsstunde – auf Schwedisch. Anfangs skeptische Blicke verwandelten sich schnell in konzentriertes Zuhören. Erstaunlich, wie viel man doch versteht, wenn man sich darauf einlässt.
Neben der Projektarbeit blieb natürlich Zeit, die Stadt zu erkunden. Und Stockholm hat uns beeindruckt – nicht nur durch seine Schönheit, sondern auch durch seine schiere Größe: Rund 32.000 Inseln gehören zum Stadtgebiet. Diese Mischung aus Wasser, Natur und urbanem Leben verleiht der Stadt eine ganz besondere Atmosphäre.
Kulturell wurde uns einiges geboten: Im Vasa-Museum standen wir staunend vor dem beeindruckend gut erhaltenen Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert. Im Nordiska Museet tauchten wir tief in die nordische Alltagskultur ein, und das Nobelpreismuseum sollte uns den Geist von Innovation und wissenschaftlichem Fortschritt näherbringen. Vielmehr bot es uns jedoch Requisiten aus dem Leben der Preisträger – Postkarten mit den Gesichtern eben dieser im Museumsshop haben uns fast mehr Aufschluss über den Nobelpreis gegeben.
Ein echtes Highlight hingegen war die Führung durch das Stockholmer Rathaus. Der Goldene Saal – ein Raum, der seinem Namen alle Ehre macht – ließ uns kurz sprachlos werden. Und dann standen wir in genau dem Saal, in dem jedes Jahr die Feierlichkeiten zur Nobelpreisverleihung stattfinden. Die Information, dass man diesen Raum tatsächlich für etwa 10.000 Euro für eine Abiturfeier mieten kann, sorgte für große Augen – und einige sehr kreative Zukunftspläne. Die nächsten Kuchenbasare sind also geplant.
Auch der Wachwechsel am Königspalast blieb nicht unkommentiert. Präzise Bewegungen, beeindruckende Disziplin – und die nicht ganz unwichtige Information, dass die Soldaten im Ernstfall tatsächlich das Recht haben, gezielt ins Bein zu stechen. Spätestens da war einigen klar: für einen Kuss wäre ihnen sogar das wert.
Die Abende haben wir uns dann bei selbstgekochtem Essen an alle Erlebnisse des Tages erinnert und Gedanken ausgetauscht. Ein paar Runden Uno, auch mit schwedischen Schülern, gehörten zum täglichen Programm.
Am Ende dieser Woche stand für mich mehr als nur ein gelungener Austausch. Ich habe gesehen, wie Lernen lebendig wird, wenn Begegnung stattfindet. Wie Vorurteile verschwinden, wenn man miteinander spricht. Und wie viel man in nur sieben Tagen wachsen kann – fachlich, sprachlich, menschlich. Stockholm hat uns nicht nur Wissen vermittelt, sondern Perspektiven eröffnet. Und vielleicht ist genau das der größte Gewinn dieser Reise.
Marie Carow – Fachlehrerin für Deutsch
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